Warum Jammern selten das eigentliche Problem ist.
Warum Selbstmitleid schützt und gleichzeitig den Blick auf neue Möglichkeiten verstellt.
„Warum passiert immer mir so etwas?“
Diesen Gedanken kennen die meisten Menschen. Wenn wir verletzt, enttäuscht oder überfordert sind, ist es nur menschlich, dass wir uns gesehen und verstanden fühlen möchten.
Problematisch wird es erst dann, wenn aus einem verständlichen Moment des Leidens eine vertraute innere Reaktion wird.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied:
Selbstmitgefühl sagt: „Es geht mir gerade nicht gut. Ich kümmere mich gut um mich.“
Selbstmitleid sagt: „Ich kann nichts tun. Das Leben passiert mir.“
Aus hypnosystemischer Sicht ist auch Selbstmitleid keine Schwäche. Es erfüllt häufig eine sinnvolle Schutz- oder Bewältigungsfunktion. Vielleicht hat diese Haltung einmal geholfen, mit Schmerz, Enttäuschung oder Ohnmacht umzugehen. Vielleicht war sie damals sogar die beste Lösung, die Ihrem inneren System zur Verfügung stand.
Doch was früher geschützt hat, kann heute den Blick auf neue Möglichkeiten verstellen.
Denn unser inneres System orientiert sich an Erfahrungen, die sich immer wieder bestätigen. Gleichzeitig richtet es seine Aufmerksamkeit bevorzugt auf das, was zu den bisherigen Erfahrungen passt. Erzählen wir uns dauerhaft die Geschichte unserer Ohnmacht, wird sie mit der Zeit zu unserer inneren Wirklichkeit.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht das Gefühl der Ohnmacht. Es ist das, was daraus mit der Zeit über uns selbst werden kann.
Mit jeder Wiederholung wächst unbemerkt die Überzeugung:
„Ich bin ausgeliefert.“ „Ich schaffe das ohnehin nicht.“ „Andere haben mehr Möglichkeiten als ich.“
Genau hier beginnt der Selbstwert zu bröckeln.Denn Selbstwert entsteht nicht dadurch, dass immer alles gelingt. Er wächst dort, wo wir erleben: Ich kann etwas bewirken. Ich habe Einfluss. Ich bin handlungsfähig.
Bleibt Selbstmitleid über längere Zeit die vertraute Reaktion, geraten die eigenen Einflussmöglichkeiten immer mehr aus dem Blick. Nicht weil sie verschwunden wären, sondern weil das innere System gelernt hat, vor allem das wahrzunehmen, was nicht möglich scheint.
Mit der Zeit verändert sich oft auch die Art, wie wir mit uns selbst sprechen. Aus einem verständlichen „Mir geht es gerade nicht gut.“ wird unbemerkt ein „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Je häufiger dieser innere Dialog wird, desto mehr beginnt er, unseren Selbstwert zu untergraben.
Irgendwann glauben wir nicht mehr nur, dass wir ein Problem haben, sondern dass wir selbst das Problem sind.
Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht im Selbstmitleid selbst. Es liegt darin, dass sich mit jeder Wiederholung eine bestimmte Sicht auf uns selbst verfestigen kann. Irgendwann erzählen wir uns nicht mehr nur eine Geschichte über unsere Schwierigkeiten. Wir erzählen uns eine Geschichte darüber, wer wir sind.
Und genau das kann den Selbstwert leise untergraben.
Denn kein Mensch ist sein Muster. Ein Muster beschreibt eine erlernte Reaktion. Es beschreibt niemals den Wert eines Menschen.
Deshalb frage ich eher nicht: „Warum bleiben Sie immer wieder in diesem Gefühl stecken?“
Mich interessiert vielmehr: „Was versucht Ihr inneres System durch diese vertraute Lösungsstrategie zu schützen?“
Allein diese Frage verändert den Blick. Sie nimmt den Druck heraus, ohne die Verantwortung abzugeben.
Denn Verständnis bedeutet nicht, im Alten stecken zu bleiben.
Jede innere Schutzstrategie ist wie ein Regenschirm. Im Gewitter schützt er uns. Wer ihn jedoch auch bei Sonnenschein nicht mehr schließt, vergisst irgendwann, wie weit der Himmel eigentlich ist.
Veränderung beginnt deshalb nicht damit, den Regenschirm wegzuwerfen. Sie beginnt damit, zu erkennen, wann Sie ihn wirklich brauchen und wann er Ihnen längst den Blick auf neue Möglichkeiten versperrt.
Wenn wir über längere Zeit in einer inneren Ohnmachtsschleife bleiben, verliert unser inneres System zunehmend den Zugang zu Selbstwirksamkeit. Doch genau das lässt sich verändern. Nicht durch Druck oder Selbstvorwürfe, sondern durch neue Erfahrungen. Jede Erfahrung, in der Sie erleben: „Ich kann etwas bewirken.“, erweitert die innere Landkarte Ihres Nervensystems.
Vielleicht ist genau das der erste Schritt. Nicht gegen sich selbst zu kämpfen, sondern die eigene Schutzstrategie zu verstehen. Denn erst wenn Ihr inneres System erlebt, dass heute mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen als damals, kann es nach und nach loslassen, was einst notwendig war.
Genau dabei begleite ich Menschen.
Nicht indem wir alte Schutzstrategien bekämpfen, sondern indem wir verstehen, warum sie entstanden sind und gemeinsam neue Erfahrungen ermöglichen. Erfahrungen, die den Blick wieder auf das richten, was möglich ist, statt auf das, was unmöglich scheint.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiedererkennen und das Gefühl haben, immer wieder in denselben Schleifen festzustecken, müssen Sie damit nicht allein bleiben. Gemeinsam schauen wir auf die Funktion dieser Muster und entwickeln neue Erfahrungen, die nachhaltige Veränderungen ermöglichen können.
Oft beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen, und anfangen, unser inneres System zu verstehen. Denn aus Verständnis wächst Selbstwirksamkeit. Und aus Selbstwirksamkeit entsteht die Freiheit, neue Wege zu gehen.






